Richtig bremsen mit dem Fahrrad – Scheibenbremsen verstehen und sicher nutzen
Bremsen kann doch jeder – Hebel ziehen und fertig?
Ganz so einfach ist es leider nicht. Richtiges Bremsen macht einen enormen Unterschied: Du kommst schneller und kontrollierter zum Stillstand, hast in Kurven mehr Sicherheit und vermeidest unnötige Belastung und Überhitzung deiner Bremsanlage.
Gerade moderne Scheibenbremsen haben enorm viel Bremskraft. Entscheidend ist deshalb nicht nur, wie stark deine Bremse ist, sondern wie du sie einsetzt.
Warum Scheibenbremsen heute Standard sind
Scheibenbremsen haben sich bei Mountainbikes und E-Bikes längst durchgesetzt und sind mittlerweile auch bei vielen Trekking-, Gravel- und Rennrädern Standard.
Die Vorteile liegen auf der Hand:
- hohe Bremsleistung bei relativ geringer Handkraft
- gut dosierbare Bremskraft
- zuverlässige Funktion bei Nässe
- kein Verschleiß der Felgenflanke durch das Bremsen
- unterschiedliche Scheibengrößen für verschiedene Einsatzbereiche
- sehr gute Bremsleistung auch bei schweren Fahrrädern und E-Bikes
Aber auch die beste Bremse funktioniert nur dann richtig, wenn sie korrekt verwendet und gewartet wird.
Vorder- oder Hinterradbremse – welche ist wichtiger?
Ganz klar: Beide.
Allerdings können Vorder- und Hinterradbremse beim starken Verzögern nicht gleich viel Bremsleistung übertragen.
Beim Bremsen verlagert sich dein Gewicht nach vorne. Dadurch wird das Vorderrad stärker belastet und das Hinterrad gleichzeitig entlastet.
Deshalb kann die Vorderradbremse auf griffigem Untergrund normalerweise wesentlich mehr Bremskraft übertragen als die Hinterradbremse.
Wer ausschließlich hinten bremst, verschenkt also einen großen Teil der möglichen Bremsleistung.
Eine fixe Aufteilung wie „70 % vorne und 30 % hinten“ ist trotzdem nur eine grobe Orientierung. Gefälle, Untergrund, Reifen, Fahrrad, Geschwindigkeit und deine Körperposition verändern die mögliche Bremskraftverteilung.
Wichtig ist: Lerne, beide Bremsen kontrolliert und dosiert einzusetzen.
So bremst du richtig
Bei einer normalen Bremsung verwendest du Vorder- und Hinterradbremse gemeinsam.
Ziehe die Bremshebel nicht schlagartig mit voller Kraft, sondern baue den Bremsdruck kontrolliert auf.
Je stärker du verzögerst, desto mehr Gewicht wandert nach vorne.
Deine Arme stabilisieren dabei den Oberkörper. Bei stärkeren Bremsungen kannst du deinen Körperschwerpunkt etwas nach hinten verlagern. Du musst dich dabei aber nicht möglichst weit hinter den Sattel hängen.
Entscheidend ist eine stabile, kontrollierte Position auf dem Fahrrad.
Kann ich mit der Vorderradbremse über den Lenker fliegen?
Theoretisch natürlich ja.
Das ist aber kein Grund, die Vorderradbremse kaum zu benutzen.
Problematisch wird es vor allem, wenn die Vorderradbremse plötzlich und unkontrolliert voll gezogen wird oder der Körperschwerpunkt sehr weit vorne liegt.
Wer den Bremsdruck kontrolliert aufbaut und seine Bremse kennt, kann die hohe Bremsleistung des Vorderrades gezielt nutzen.
Das lässt sich hervorragend auf einem freien, sicheren Platz üben.
Richtig bremsen vor Kurven
Eine der wichtigsten Regeln:
Die Geschwindigkeit möglichst vor der Kurve reduzieren.
Beim starken Bremsen in Schräglage muss der Reifen gleichzeitig Seitenführung und Bremskräfte übertragen. Je stärker du bremst, desto weniger Reserven bleiben für die Kurvenführung.
Deshalb:
Vor der Kurve kontrolliert abbremsen, Bremse lösen bzw. Bremsdruck reduzieren und anschließend sauber durch die Kurve fahren.
Natürlich gibt es Fahrtechniken, bei denen auch in der Kurve dosiert gebremst wird. Für den normalen Straßen- und Freizeitfahrer ist „vor der Kurve bremsen“ aber eine sehr gute Grundregel.
Bremsen auf Schotter, Nässe und rutschigem Untergrund
Hier ist besonders viel Gefühl gefragt.
Auf losem Schotter, nassem Laub, Schnee oder rutschigem Untergrund können die Reifen wesentlich weniger Bremskraft übertragen.
Deshalb:
- früher mit dem Bremsen beginnen
- Bremsdruck sanfter aufbauen
- beide Bremsen kontrolliert verwenden
- abrupte Lenkbewegungen vermeiden
- in Kurven besonders vorsichtig bremsen
Blockiert das Vorderrad auf rutschigem Untergrund, kann es schnell seitlich wegrutschen.
Ein blockierendes Hinterrad ist meist leichter zu kontrollieren, verlängert aber den Bremsweg und bietet nicht die maximale Verzögerung.
Lange Abfahrten – Dauerbremsen vermeiden
Bei langen Abfahrten entsteht sehr viel Wärme.
Diese Wärme muss über Bremsscheiben, Beläge und Bremssattel abgeführt werden.
Problematisch wird es, wenn du die Bremse über längere Zeit permanent schleifen lässt.
Dadurch können Bremsscheiben und Beläge sehr heiß werden. Im Extremfall lässt die Bremsleistung nach, Beläge können verglasen und das gesamte Bremssystem wird thermisch stark belastet.
Besser ist es, die Geschwindigkeit kontrolliert und deutlich zu reduzieren und die Bremse anschließend wieder zu entlasten, wenn Streckenverlauf und Fahrsituation das zulassen.
Vor allem solltest du nicht erst unmittelbar vor einer engen Kurve feststellen, dass du eigentlich viel zu schnell bist.
Warum größere Bremsscheiben helfen
Eine größere Bremsscheibe bietet nicht nur mehr mögliche Bremsleistung, sondern kann auch Wärme besser aufnehmen und abgeben.
Deshalb findet man bei Mountainbikes, E-Bikes und schweren Fahrrädern häufig größere Bremsscheiben.
Welche Scheibengröße verwendet werden darf, hängt allerdings von Bremse, Gabel, Rahmen und Herstellerfreigabe ab.
Einfach die größtmögliche Bremsscheibe montieren ist deshalb nicht automatisch die richtige Lösung.
Scheibenbremse richtig einbremsen
Neue Bremsbeläge und Bremsscheiben müssen eingebremst werden.
Beim Einbremsen passen sich Belag und Scheibe aneinander an und auf der Bremsscheibe bildet sich eine gleichmäßige Reibschicht.
Ohne korrektes Einbremsen kann die Bremsleistung schlechter sein und die Bremse kann eher zu Geräuschen neigen.
Als grundsätzliche Vorgehensweise kannst du das Fahrrad auf einer sicheren, ebenen Strecke mehrfach auf Geschwindigkeit bringen und anschließend kontrolliert deutlich abbremsen.
Nicht jedes Mal bis zum vollständigen Stillstand bremsen und zwischen den Bremsungen darauf achten, das System nicht unnötig zu überhitzen.
Die genaue Einbremsprozedur kann je nach Hersteller und Bremssystem unterschiedlich sein. Deshalb gelten im Zweifel immer die Angaben des Bremsenherstellers.
Bremsbeläge regelmäßig kontrollieren
Bremsbeläge sind Verschleißteile.
Wie lange sie halten, hängt enorm von Fahrergewicht, Gelände, Wetter, Fahrstil und Belagmischung ab.
Bei Nässe, Schlamm und langen Abfahrten können Bremsbeläge erheblich schneller verschleißen als bei gemütlichen Fahrten im Trockenen.
Eine pauschale Mindestdicke für alle Hersteller gibt es nicht.
Deshalb gilt:
Verschleißgrenze des jeweiligen Bremsenherstellers beachten.
Warte nicht darauf, bis Metall auf Metall bremst. Dann ist meistens nicht nur der Bremsbelag hinüber, sondern häufig auch die Bremsscheibe beschädigt.
Auch Bremsscheiben verschleißen
Eine Bremsscheibe hält nicht ewig.
Durch das Bremsen wird sie mit der Zeit dünner. Die zulässige Mindeststärke ist vom Hersteller vorgegeben und teilweise direkt auf der Bremsscheibe angegeben.
Ist die Verschleißgrenze erreicht, gehört die Scheibe ersetzt.
Starke Verfärbungen, ungewöhnliche Geräusche, Rubbeln oder deutlich nachlassende Bremsleistung solltest du ebenfalls nicht ignorieren.
Quietschende Scheibenbremsen – was ist los?
Nicht jedes Quietschen bedeutet automatisch einen Defekt.
Feuchtigkeit kann beispielsweise kurzzeitig Geräusche verursachen.
Bleibt das Quietschen dauerhaft bestehen, kommen verschiedene Ursachen infrage:
- verschmutzte Bremsscheiben
- Öl oder Pflegemittel auf der Bremse
- verunreinigte Bremsbeläge
- verglaste Bremsbeläge
- nicht korrekt eingebremste Beläge
- ungünstig ausgerichteter Bremssattel
- verschlissene Komponenten
Besonders Öl ist der natürliche Feind einer Scheibenbremse.
Finger weg von Öl und Pflegespray
Kettenöl, Sprühwachs, Silikonspray oder andere Pflegemittel dürfen niemals auf Bremsscheiben oder Bremsbeläge gelangen.
Deshalb Kettenöl möglichst gezielt auf die Kette geben und nicht großzügig in Richtung Fahrrad sprühen.
Ist lediglich die Bremsscheibe verschmutzt, lässt sie sich mit einem geeigneten, rückstandsfreien Bremsenreiniger reinigen.
Sind die Bremsbeläge mit Öl verunreinigt, ist ein Austausch häufig die sichere Lösung.
Experimente mit Ausbrennen, Abschleifen oder irgendwelchen Hausmitteln empfehlen wir nicht.
Bei einer Bremse geht Sicherheit vor Sparsamkeit.
Bremsflüssigkeit und Mineralöl
Hydraulische Scheibenbremsen arbeiten je nach Hersteller mit unterschiedlichen Flüssigkeiten.
Manche Systeme verwenden Mineralöl, andere DOT-Bremsflüssigkeit.
Diese Flüssigkeiten dürfen niemals miteinander vermischt oder gegeneinander ausgetauscht werden.
Auch für den Wechsel der Bremsflüssigkeit gibt es keine sinnvolle pauschale Regel für sämtliche Fahrradbremsen.
Wartungsintervalle und verwendete Flüssigkeit richten sich nach dem jeweiligen Hersteller und Bremssystem.
Fühlt sich der Druckpunkt plötzlich weich oder schwammig an oder verändert sich deutlich, solltest du die Bremse kontrollieren lassen.
Besonderheiten beim E-Bike
Ein E-Bike ist häufig schwerer als ein vergleichbares Fahrrad ohne Motor und Akku.
Mehr Gesamtgewicht bedeutet beim Abbremsen auch mehr Energie, die von der Bremsanlage aufgenommen und in Wärme umgewandelt werden muss.
Gerade bei langen Abfahrten spielt deshalb die richtige Dimensionierung der Bremsanlage eine wichtige Rolle.
Große Bremsscheiben und für E-Bikes geeignete Bremskomponenten können hier sinnvoll sein.
Aber auch beim E-Bike gilt:
Die stärkste Bremse hilft wenig, wenn sie falsch benutzt wird.
Üben lohnt sich
Viele Radfahrer beschäftigen sich erst dann intensiv mit ihrer Bremse, wenn sie eine Vollbremsung machen müssen.
Das ist eigentlich zu spät.
Such dir einen freien und sicheren Platz und probiere bewusst aus:
Wie stark kann ich bremsen?
Wie fühlt sich die Vorderradbremse an?
Wann wird das Hinterrad leicht?
Wie verändert sich der Bremsweg bei höherer Geschwindigkeit?
Wie fühlt sich eine kräftige Bremsung mit beiden Bremsen an?
Wer seine Bremse kennt, reagiert im Ernstfall wesentlich kontrollierter.
Unser Fazit
Eine moderne Scheibenbremse kann enorm viel – wenn du sie richtig benutzt.
Beide Bremsen verwenden, den Bremsdruck kontrolliert aufbauen, Geschwindigkeit vor Kurven reduzieren und langes Schleifenlassen auf Abfahrten vermeiden.
Dazu gehören regelmäßige Kontrollen von Bremsbelägen und Bremsscheiben sowie ein sauber gewartetes Bremssystem.
Und vor allem:
Hab keine Angst vor deiner Vorderradbremse – lern, sie richtig zu benutzen.
Denn gute Bremsen sind wichtig. Richtig bremsen zu können ist noch wichtiger.
Wenn deine Bremse ungewöhnliche Geräusche macht, der Druckpunkt nicht mehr stimmt oder du dir bei Belägen und Bremsscheiben nicht sicher bist, schauen wir uns das gerne bei uns im Radladen an.
Und neue Bremsscheiben und Bremsbeläge bremsen wir auf Wunsch natürlich auch fachgerecht für dich ein.